Sie sind hier: Intro » Glutenfrei kann schädlich sein

Aus dem Zentrum der unkritischen Trendadaption (Berlin Mitte) schwappte schon länger die Idee durch die Republik, dass glutenfreie Ernährung gesund sei.

Ich denke, man sollte zwischen individuellen Eindrücken und wissenschaftlich objektiver Erkenntnis unterscheiden. Schon aufgrund des Placeboeffekts ist es wahrscheinlich, dass ca. 20% der Benutzer einen Nutzen empfinden ohne dass dieses Gefühl eine Erkenntnis wert wäre.

Michael Brendler resummiert in einem Artikel den aktuellen Stand der Studien verschiedener Länder und kommt zum Schluss, dass eine glutenfreie Ernährung wohl eher schadet:

---------------------------------------------------------------

SONNTAG, 18. NOVEMBER 2018
F.A.S. - WISSENSCHAFT
IM GESPRÄCH


Ungesunder Verzicht

Wer Gluten ohne Not meidet, enthält dem Körper meist andere, wichtige Nahrungsstoffe vor. Von Michael Brendler

Keine Brötchen, nie Müsli, normale Nudeln sind ebenfalls tabu, wie praktisch fast alle Getreideprodukte. Konsequente Glutenverächter verzichten auch auf Speiseeis und Bier. Weil mehr und mehr Menschen überzeugt sind, dass es ihnen ohne das Getreideeiweiß Gluten bessergeht, opfern sie ein Stück Lebensqualität. Ob sich diese Askese tatsächlich auszahlt, wollte nun der Däne Oluf Pedersen klären: Bisher fehle für die vielen positiven Wirkungen, die der Diät zugeschrieben werden, das wissenschaftliche Fundament, sagt der Stoffwechselforscher vom Zentrum für Metabolische Forschung an der Universität Kopenhagen.

Kein Mediziner würde bestreiten, dass Zöliakiekranke, die überempfindlich auf Gluten reagieren, dieses Protein meiden sollten. Entsprechend muss ihre Ernährung umgestellt werden. Nun machen das heute aber auch Menschen, bei denen gar keine Unverträglichkeit nachgewiesen wurde. Sie üben sich im Verzicht auf viele Speisen, weil sie sich davon eine bessere Verdauung, weniger Gewicht, mehr Energie und weniger Entzündungen erhoffen, obwohl dergleichen gar nicht nachgewiesen ist. „Ich bin Teil dieser Untergrundbewegung“, gibt Pedersen zu. Seit 19 Jahren macht er um Gluten einen Bogen – und wollte endlich Klarheit haben. Für seine Studie bat Pedersen eine Versuchsgruppe mit 27 Personen, acht Wochen lang eine Art Überdosis zu sich zu nehmen: 18 Gramm Gluten pro Tag statt der 14 Gramm, die der durchschnittliche Däne isst. Auf eine Zwischenphase mit normalem Speiseplan folgten dann acht Wochen des Verzichts, in denen nur etwa zwei Gramm Gluten pro Tag anfielen. Eine zweite Gruppe mit 27 Probanden folgte dem umgekehrten Schema, ansonsten blieben die Bedingungen gleich: Alle Versuchspersonen nahmen in etwa die gleiche Kalorienmenge zu sich; das Verhältnis von Fett, Proteinen, Kohlenhydraten und die Menge der Ballaststoffe veränderten sich nicht.

Das Ergebnis habe auch ihn überrascht, sagt Pedersen: Nicht das Gluten beeinflusse das Wohlbefinden der Gesunden. Zwar tummelte sich im Darm plötzlich ein anderes Gemisch von Bakterien, wenn eine glutenarme Diät eingehalten wurde. Aber der Grund für diese leichten Veränderungen des Mikrobioms war nicht der Wegfall des Proteins, sondern der der Ballaststoffe aus dem Getreide. Weil in Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste andere Fasern stecken als in Haferflocken, Erbsen, Reis und Quinoa, die sie in dieser Studie ersetzten. Trotz gründlicher Suche konnten die Wissenschaftler auch nicht entdecken, dass sich bei ihren Probanden die Stoffwechselhormone, Insulinempfindlichkeit, Blutfette oder die Zahl der Abwehrzellen veränderte. Egal was die Probanden aßen, ihre Messwerte waren stets die gleichen, und nichts deutete auf eine höhere Aktivität des Immunsystems hin. „Normalen Menschen bringt der Glutenverzicht offensichtlich keinen Nutzen, weil Gluten keinen Effekt auf ihre Gesundheit hat“, erklärt dazu Bernhard Watzl, der am Max Rubner-Institut in Karlsruhe das Institut für Physiologie und Biochemie der Ernährung leitet.

Und wie sind die Einflüsse auf die Darmflora zu bewerten? In der Studie reagierten vierzehn der 500 bis 1000 Bakterienarten auf die Diät, vor allem die Zahl der Bifidobakterien nahm ab. Was das für den Köper bedeutet, wusste allerdings auch Oluf Pedersen nicht zu sagen. „Zumindest scheint der Glutenverzicht dort keinen Schaden anzurichten“, sagt Michael Blaut, Leiter der Abteilung für Gastrointestinale Mikrobiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke. Grundsätzlich lasse sich aus solch geringen Veränderungen wenig ablesen: „Es kommt immer auf die Mischung im gesamten Mikrobiom des Darms an.“

Langfristig könnte die gesunde Besiedlung aber unter der glutenarmen Diät leiden. So legte der Zöliakie-Experte Benjamin Lebwohl von der New Yorker Columbia University 2017 im British Medical Journal eine umfassende Analyse der Gesundheitsdaten von 110000 Menschen vor. Abhängig von dem von ihnen angegebenen Glutenverzehr wurden sie in fünf Gruppen unterteilt. Ihre Herzgefäße zeigten sich zum Beispiel nicht weniger verkalkt, wenn Gluten gemieden wurde, obwohl dass der Diät schon oft zugeschrieben wurde. Stattdessen stieß Lebwohl auf eine unangenehme Nebenwirkung: Ein Verzicht führt zwangsläufig dazu, dass weniger Getreide- und damit auch weniger Vollkornprodukte gegessen werden. Für Letztere ist belegt, dass sie Herz- und Kreislauf gut bekommen, außerdem das Risiko für Diabetes und Dickdarmkrebs senken, wahrscheinlich weil die Bakterien im Darm besser gedeihen. Benjamin Lebwohl errechnete ein 15 Prozent höheres Herzinfarktrisiko für jene, die aus Angst vor Gluten auch Vollkornkost meiden.

Die gesunden Fasern aus dem Getreide lassen sich zwar durchaus aus anderen Quellen gewinnen. Auch in Obst, Gemüse, Nüssen und Hülsenfrüchten stecken ausreichend Ballaststoffe, sagt Bernhard Watzl: „Aber das machen nur die wenigsten Menschen. Für die Standardernährung in Deutschland gilt: Eine glutenarme Diät geht einher mit dem Verzicht auf solche Schutzeffekte.“

Allerdings wirken Vollkornprodukte noch auf andere Weise. Werden sie von den Keimen im Darm zersetzt, bilden sich Gase. Die Probanden der dänischen Ernährungsstudie beobachteten bei glutenarmer Ernährung weniger Blähungen – Ansichtssache, wie das nun zu bewerten ist. Hingegen kam es meist gut an, dass die acht glutenarmen Wochen das Körpergewicht reduzierten, wenn auch nur um durchschnittlich 0,8 Kilogramm. Die dänischen Wissenschaftler führen das auf eine Zunahme des Energieverbrauchs zurück, wobei sie sich auf Signalstoffveränderungen berufen, die in Tier- und Laborexperimenten bemerkt wurden.

Dass im Alltag ähnliche Effekte zu erwarten sind, bezweifelt Katharina Scherf vom Leibniz-Institut für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München. Häufig sei eine glutenarme Kost eher mit einer erhöhten Kalorienaufnahme verbunden. Insbesondere, wenn man sich von Spezialprodukten ernährt: Um den Mangel an Getreide-Inhaltsstoffen zu ersetzen, mischen Hersteller mehr Fett, Zucker und andere Kohlenhydrate unter. Als Klebereiweiß im Getreide hat Gluten die Eigenschaft, Backwaren zusammenzuhalten. Einem glutenfreien Kuchen werden deshalb Zusatzstoffe wie Polysaccharide zugefügt, damit er nicht kollabiert. Und ein fades Reisbrot wird mit Öl, Emulgatoren, Zucker und Salz aufgepeppt, damit es mit Roggenbrot mithalten kann. Wegen des höheren glykämischen Indexes der Ersatzprodukte scheint das Risiko für Übergewicht sogar anzusteigen, berichteten italienische Forscher 2016 in der Fachzeitung Clinical Nutrition. Zudem mangelt es dieser glutenfreien Kost an Vitamin D, B12, Folsäure und Mineralien, während andere Inhaltsstoffe bedenklich sind: Eine „Ansammlung von Schwermetallen bei Menschen während einer glutenfreien Ernährung“ stellte ein amerikanisches Team dieses Jahr in der Fachzeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology fest. Im Blut von gesunden Gluten-Verächtern fanden sich erhöhte Konzentrationen von Blei, Quecksilber und Arsen. Selbst das schreckt Oluf Pedersen nicht ab, er will seine glutenarme Diät beibehalten. Er fühle sich damit einfach besser. Vielleicht profitiert der Wissenschaftler dabei von einer anderen bemerkenswerten Wirkung seiner Ernährungsumstellung: dem beachtlichen Placeboeffekt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 18.11. 2019